Franz Dobler

Das ABC des Lebens:
A wie Aufpassen
(Herbst 2006)
B wie Behördengang
(Herbst 2007)
C wie Cordhosen
(Dezember 2009/Januar 2010)
D wie Doof
(August/September 2009)
F wie Feiertage
(Winter 2007)
F wie Frohball
(August/September 2008)
G wie Glauben
(Herbst/Winter 2005)
H wie Helden
(Oktober/November 2008)
I wie Improvisation
(Februar/März 2010)
L wie Lässig
(Frühling 2007)
M wie Medizin
(Dezember/Januar 2009)
N wie Natur
(Sommer 2007)
P wie Punk
(Sommer 2006)
Q wie Quellen
(Frühling/Sommer 2005)
R wie Rauchen
(Frühling/Sommer 2006)
S wie System
(Winter 2006)
U wie Unterwegs
(Februar/März 2009)
V wie Verschlossen
(Juni/Juli 2008)
W wie Wahnsinnig
(Juni/Juli 2009)
y wie Yang
(Oktober/November 2009)
Z wie Zufall
(April/Mai 2008)
ABC des Lebens - I wie Improvisation

dob Manchmal stehe ich am Herd, haue mir mit dem Kochlöffel in die linke Hand und versuche mich an etwas zu erinnern, das meine Mama besonders gern gekocht hat. Aber meistens fällt mir nichts ein, und dann werde ich melancholisch.

Als mein Vater wegen einer Verletzung, die er sich bei einem Zugunglück zugezogen hatte, etwa acht Jahre vor Erreichen des Pensionsalters den ganzen Tag lang zu Hause war, riss er das mittägliche Essenmachen weitgehend an sich. Und wenn ich dann, mir mit dem Kochlöffel in die linke Hand hauend so dastehe, fällt mir auf, dass ich bis heute nicht weiß, ob Mama froh darüber war, dass sie von da an viel weniger Zeit am Herd verbringen musste.

Zusammen kochen konnten sie nicht gut, weil Papa meistens alles besser wusste, ja, gut, den Salat machte sie dann oft, und Mehlspeisen waren gar nicht sein Fall. Er war ein totaler Fleischmann. Wer von den beiden besser war, könnte ich jetzt nicht sagen, sie waren beide sehr gut. Nur Sellerie konnte ich ums Verrecken nicht ausstehen, Weißkraut auch überhaupt nicht, und für ein Sauerkraut hätte ich mir wahrscheinlich nur selten ein Bein ausgerissen.

Einmal war ich vollkommen von den Socken, das war aber schon wenige Jahre vor ihrem Tod. Sie stellte einen Teller vor mich hin, und auf dem Teller waren zwei Weißwürste auf einem ordentlichen Hügel Sauerkraut. Das hatte ich noch nie gesehen, ich schaute das an wie einen Motorradpolizisten, der auf einem Segelboot vorbeifährt, und meine Zustimmung war etwas flach. Bis heute glaube ich, dass sie das erfunden hat. Wie auch Tortellini in einer Sauce aus Sauerkraut und Thunfisch.

Es ist noch nicht lange her, da verspürte ich eine Stunde vor dem nächsten Tag das Bedürfnis, mich am Herd zu betätigen, obwohl das sonst nicht meine Zeit ist, also zum Kochen meine ich; das hatte sicher damit zu tun, dass ich mir an dem Tag ein neues Kochmagazin gekauft hatte, obwohl ich mich für moderne Kochbücher und -magazine eigentlich nur interessiere, wenn es in der Fastenzeit so eng wird, dass ich an High Heels lutsche, ohne sie abgekocht zu haben, und wie´s der Teufel will, erzählt der Vincent Klink dort von Le Roncole, wie allgemein bekannt die Heimat der Tortellini und des Parmesan sowieso.

So spät stehe ich also da, mir mit dem Kochlöffel in die linke Hand hauend, entdecke im Kühlschrank die Tortellini und je eine Dose vom Thunfisch und dem Sauerkraut – und beginne vor Glück zu strahlen. Weil mir dieses Gericht von Mama jetzt einfällt, und ich denke, ein Wahnsinn. Dabei ist es nicht so schwer, und man kann auch einfache, dicke Nudeln nehmen, oder Gnocchi, klar, und wenn´s sein muss sogar Kartoffeln.

Erst kippt man Thunfisch und Sauerkraut auf das in der Pfanne schon heiße Öl und rührt es nicht zu heftig durcheinander, ehe es leicht zum Köcheln gebracht wird. Als Gewürze empfehlen sich Knoblauch- Lamellen, Chili und weißer Pfeffer, weil schwarzer in dem Fall nicht geht. Es darf schon etwas scharf sein. Dass ich kein Salz fand, ärgerte mich nicht, weil es dafür endlich einmal kein Salz braucht. Es dauert etwa zehn Minuten, bis die Tortellini für gute fünf dazustoßen. Man kann, muss aber dieses Zeitfenster nicht sinnvoll verwenden. Wo unser Salz immer so herumsteht, man glaubt es nicht.

Als ich mir diese Ladung mit der gebotenen Gemächlichkeit einverleibt hatte und zufrieden auf dem Sofa lag, dämmerte mir, dass nicht Mama dieses Gericht erfunden hatte. Ich fragte mich, was sie dazu gesagt hätte. Ich war mir nicht sicher. Aber es war schön, an sie zu denken. Und wie sie mir damals entrüstet erklärte, Weißwürste auf Sauerkraut seien doch wohl ganz normal. Und sie hatte, wie so oft, vollkommen recht.


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