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Martin Vodalbra
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Sachdienliche Hinweise
Kreative Schrumpfe bis das Handy klingelt
![]() 23.November/Martin Vodalbra
Was ist so groß, dass man es vom Weltall aus sehen kann? Die Chinesische Mauer und der Kreativitätswahn der Stadt Augsburg. Allein, mit Kreativität meinen wir hier nicht das Basteln von Kastanienmännchen oder das Anfertigen flotter Blumenaquarelle für die nächste Ausstellung im Foyer des Geldinstituts um die Ecke. Hierbei handelt es sich um Tätigkeiten, die nichts weiter wollen, als schmuck die Zeit bis zum Tod zu überbrücken; und würden alle Menschen sich derlei widmen, wären mit Sicherheit die Weltkriege und vielleicht sogar weitere Auswüchse wie Level 42 oder die Deutsche Telekom AG verhindert worden.
Nein, gemeint ist Augsburgs Kreativität darin, Kunst und Kreativität möglichst idiosynkratisch Einhalt zu bieten. Verhüpfburgisierung und Verfestivalei von Kultur, Demokratie und Heimat schreiten wacker voran. Auch Demokratie und Heimat lassen sich verhüpfburgisieren? Ja, durch hypertrophierte Beteiligungsfestivals wie "Bürgerentscheide" und durch PR-Umhämmerung städtischer Realanmut in rein verbales Tourismus-Marketing. Wirklich und beeindruckend "kreativ" sind Lokalpolitiker in Rhetorik und Wiedergutmachungs-Aktionen - was da an potenziell proto-künstlerischem Geist an politische Mundwerksschlosserei verloren geht, ist nahezu bedauerlich. Und wie die Politiker, so das Volk: "Kreativ" war auch die Reaktion der Augsburger, wie sie weiland Markus Lüpertz' Aphrodite aus der Maxstraße an den Rand des Lechhausener Industriegebiets verjagten. Aphrodite schickt man vor die Stadt, die plastinierten Leichen Gunther von Hagens hingegen ließ man in selbige, öffnete ihnen sogar die großen, weiten Messehallen. Wenn es so schon auf den Straßen außerhalb des Augsburger Rathauses zugeht, welche Gestalten lässt man dann erst in das Versammlungszimmer des Augsburger Stadtrats. Nun folgt unvermittelt ein Schnitt. Grund für dessen Unmittelbarkeit ist, dass dieses Textlein kurz genug sein muss, um noch auf diese Seite zu passen. Kamerazoom. Im Bild: Augsburgs neuer Bischof Konrad Zdarsa spricht im Dom zur Gemeinde. "Hey", spricht Zdarsa ins knackende, heimelig atmosphärisch rauschende Dom-Mikrofon, "Hey, ist das hier schon jemandem aufgefallen? Wir sind Christen des 21. Jahrhunderts, für unsere Gottesdienste benutzen wir aber ein völlig überaltetes, über 1000 Jahre altes Instrument, die Orgel?" Stille. Zdarsa, milde, aber fordernd: "Kann mir darauf jemand eine Antwort geben?" Noch nie war es in einer Kirche so still. "Tra… Tradition?", fragt ein leises, zimtfeines Stimmchen in die Stille hinein. Der Kolumnist lümmelt wie jeden Sonntag brav hinten auf der letzten Bank und spricht laut in die Weite des Kirchenschiffs: "Ich weiß, ich weiß!" Niemand dreht sich um, über den Köpfen der Gemeinde formt sich aber wie in einem kirchozentrischen Comic eine gemeinsame Denkblase: "Streber!" Zdarsa, sächsische Lotusblüte christlicher Weisheit, zieht lächelnd eine Augenbraue hoch und der Kolumnist spricht mit aufgeregten, schnell vor sich hinnestelnden Worten: "Die Menschen haben so sehr Angst vor Gott - und damit vor all den Fragen, die sie sich zu ihrem eigenen Leben stellen müssten - dass sie ihn nur aushalten, wenn sie möglichst viel mittelalterliche Apparatur zwischen ihn und sich selbst stellen." Sicher. Selten gibt es in Kirchen Applaus. Und nun natürlich auch nicht. Drum kann man auch beim Kulturbetrieb davon ausgehen, dass er implodieren wird wie derzeit die katholische Kirche. Er droht, nur noch ein seelenloser Verwaltungsapparat zu werden, der sich nur noch dunkel an seinen eigentlichen tollen Ur-Auftrag und Inhalt erinnern kann - dabei aber ganz andere Dinge tut und sich mit verkrusteten Riten davon ablenkt. Eine seelenlose Kultur führt zu kulturlosen Seelen, ein kunstloses Augsburg (kaum begrüßenswert) zu einer augsburgfreien Kunst (vielleicht begrüßenswert). Vielleicht kann man statt von Implodieren auch von "Gesundschrumpfung" reden. Würde es eines Tages dazu kommen, dass sich die Fuggerstadt gesundschrumpfte, würde wohl nur der "Stoinerne Ma" übrig bleiben. Vielleicht noch ein Puck vom AEV. Sogar Martin Vodalbra wäre verschwunden. Eitel Sonnenschein wär's und Augsburg hätte ihn wieder bekommen: seinen ihm im Universum zugewiesenen Platz. In die Stille hinein würde das Handy des Stoinernen Manns klingeln. "Jo hallo?", geht er ran. Aus dem Handy dringt: "Hallo, hier spricht Thomas Höft. Kann ich jetzt wieder zurückkommen?" *** Martin Vodalbra ist Augsburgs geistige Semmeltaste. Die dunkle Gravur seines gedanklichen Ferments prägt zu einem volksangemessenen Preis zahlreiche stadtplanerische Konzepte. www.facebook.com/martin.vodalbra Sachdienliche Hinweise
Der Pop des Normalen
![]() 05.Oktober/Martin Vodalbra
Flug zum Mars! Entschlüsselung der menschlichen DNA! Umbau des Augsburger
Bahnhofs! Das alles klingt gut. Der Mensch scheint ein Wesen mit
unbegrenzten Fähigkeiten zu sein. Dass er allerdings nicht das Überwesen
ist, das er zu sein meint, erkennt man dann an einem recht jämmerlichen,
lächerlichen Fakt: Gut alle 16 Stunden muss der Mensch sich hinlegen und
sechs bis acht Stunden schlafen. Weil er so müde ist, wahrscheinlich sogar
seiner selbst müde. Sieht so ein potenter
Mittelpunkt des Universums oder etwa die
Krone der Schöpfung aus? Gähni, gähni,
schlafi, schlafi? Im polyphonen Hifi-Klang
des unendlichen Weltalls ist das Menschlein
eine schlaffe MP3-Datei.
Warum dieses komprimierte Datenhäuflein aka Homo sapiens schlafen muss, ist tatsächlich wissenschaftlich nicht geklärt. Trotzdem wird der alerte Leser sagen: Naja, es wird ja auch gut alle 16 Stunden immer wieder dunkel, was sollte man denn dann nachts anderes tun, als zu schlafen? Der Kolumnist antwortet: Pörööh, in den geistigen Stuben vieler Kommunalpolitiker ist es auch ständig dunkel, und dennoch schläft ihr Kalkül nie. Denn Politiker schlafen nie – selbst wenn sie schlafen! Verdunkelungsprozesse haben also nichts mit Schlaf zu tun, eher sind sie das Metier genannter Unholde. Diese übrigens stehen dem herkömmlichen, normalen Menschen im Prinzip ständig in der Sonne. Im Irrglauben, Demokratie sei für alle und insbesondere ausgerechnet auch noch für Politiker da, werfen sie Schatten ins Lichtwerk unbescholtener Menschen. Letztere haben ein Geburtsrecht auf Dunkelheit, ziehen jedoch eine Nacht mit Mond und Sternen einer politischen Schattenwelt mit Mund und Stirnen vor. Nur in einer Nacht ersterer Kategorie lässt sich beruhigt und normal schlafen. So ist es also ohne Makel und durchaus karmisch gerechtfertigt, ein normaler Mensch zu sein. Werbung und Politik hingegen locken eigentlich bisher glücklich vor sich hin vegetierende Normalos mit dem Versprechen, spannende Individuen zu sein. Das Lebensglück hänge davon ab, sich von anderen zu unterscheiden und voll die eigenen Meinungen zu haben, wird hier propagiert. Mit diesem Biermixgetränk bist du ein anderer! Werde Mitglied in der CSU oder gar bei der SPD, und du bist ein anderer! Glitzernde Triumphe des Willens und der Selbstbestimmung! Der weise a-guide-Leser jedoch erkennt: Dies sind zweifelhafte Distinktionsgewinne für Wesen, die eh in spätestens 100 Jahren Kompost sind. Warum wollen die Menschen immer mehr sein als das, was sie sind? Wenn man etwas in seinem Körper entdeckt, das ständig mehr wird, dann sollte man um Gottes willen zum Arzt gehen und es sich herausschneiden lassen. In Zeiten von Casting-Shows und gymnasialer G8-Bildungsmästung ist es heute ein aufklärerischer Impuls, normal und ausreichend mittelmäßig begabt zu sein. Auch die oberschwäbische Hybris Augsburgs, »immerhin so viel Einwohner zu haben wie ganz Island«, zählt nicht. Der Kolumnist warnt: Insbesondere die Fuggerstadt ist ein anti-abendländischer Moloch, ein Divenball TV-glotzender Menschen, die in individualistischen Wahnvorstellungen vor sich her delirieren. Es versteht sich, dass der Schreiber dieser Zeilen von diesen Prozessen ausgenommen ist. He got it certified. Außerdem pudert er sich gerade die Nase. Zu klären ist aber noch: Was tun normale Menschen? Normale Menschen essen Kässpatzen und hören AC/DC. Normale Menschen sprechen Zucchini als »Zuchini« statt »Zukchini« aus und gehen ohne zu zögern zu Monstertruck-Shows. Sie bringen größere Reisen natürlich mit dem Zug hinter sich, verachten Stadtmarketing und benutzen weiterhin überall »ß« statt »ss«. Mit knatschbunter Werbung verunzierte Straßenbahnen sind ihnen ein humanes Gräuel. Und manchmal sagen sie statt »China« »Tschina«. Einfach so. Nachts verzieren sie die Augsburger Maxstraße mit Graffitis: »Der Plural von Zucchini heißt nicht Zucchetti, sondern ›Ich hätte gern zwei Zucchini‹«. Dann schauen sie auf die Taschenuhr, sagen leise, aber bestimmt: »So sieht’s nämlich aus!«, und gehen brav nach Hause. Denn auf sie wartet ein weiterer Adel des Normalseins: Sie müssen schlafen. Endlich. Um das alles, alles, alles auszuhalten. Martin Vodalbra ist Augsburgs geistige Tunnellösung. Zu seiner Peergroup gehören ältere Herren, die unter ihren Achseln nach gekochtem Kohlrabi riechen, außerdem hört er gerne Musik. So sieht’s nämlich aus. www.facebook.com/martin.vodalbra Sachdienliche Hinweise
Lass uns 28 Taxis rufen
![]() 18.August/Martin Vodalbra
Aber unsere Gehirne, unsre Hirne! Sollen wir sie backen in Blätterteig?!
Bestreichen mit Terpentin, dann trocknen und mahlen zu schmausigem
Mus? Sollen wir, Liedlein summend, unsere Grauen-Zellen-Klopse mit blankem
Käsemesser in Stücke schneiden und diese in 28 Taxis in verschiedenste
Stadtteile fahren lassen? Nein, sagen die einen, das ist keine Lösung.
Ja doch, proklamieren die anderen und verweisen auf einen Weltengang
gespickt mit Mixa-Bischöfen, Deutscher Bahn AG, Facebook und abgelaufenen
Miracoli-Packungen – denn darüber, und auch über das arme
Selbst, nicht mehr nachdenken zu müssen,
das sei den Aufwand wert.
De facto kann man herzhaft darüber nachdenken, was mit dem Nachdenken zu machen sei. Denn so, darin sind sich Arbeitsgruppen an Universitäten einig, geht es ja nicht mehr weiter. Sich Gedanken über Gedanken zu machen nennen die einen Philosophieren, die anderen Depression, wieder andere kurzschlussinduzierten Wahnsinn. Somit stehen sich Gedanken und wirkliche Welt in einem aparten Spannungszustand gegenüber. Es ist nett, Wirklichkeit in Gedanken umzusetzen. Gefährlich aber – sprichwörtlich bedenklich – ist es umgekehrt, Gedanken in Wirklichkeit umzusetzen. Denn weltferne Gedanken führen mitunter zu einer gedankenlosen Welt. Viele Diktatoren und radikalpolitische Welterlöser haben das in der Weltgeschichte vorgemacht. Es gibt Menschen, die, um nicht Wirklichkeit in Gedanken oder Gedanken in Wirklichkeit transferieren zu müssen, Wirklichkeit in Wirklichkeit umsetzen. Sie boosten die Realität in zentnersüße Erfahrungsquanten. Meist ein ungesunder Vorgang der Erfahrungsmaximierung, der dem ähnelt, seine Hand auf einer heißen Herdplatte einfach liegen zu lassen. Die Formel heißt hier: Wirklichkeit ist Wirklichkeit, Schmerz ist Schmerz – und lässt sich steigern. Wenn Erfahrungen gedanklich nicht mehr fassbar sind, ein von sensiblen Menschen gern gewählter Weg. Modell 2: Menschen, die Gedanken in Gedanken umsetzen. Das klingt nicht unbedingt besser, nicht wahr? Tatsächlich handelt es sich um die perfekte Hölle. Das Denken wird zur eigenen Leere, nur gefüllt mit selbstreferenziellem Bizzeln. Viele Bizzel-Intellektuelle halten sich für klug, da sie sich in guten Momenten dabei beobachten können, wie sie sich vieler Gedanken bedienen und, klonkklonk!, wie Zerebralschlosser daraus Ich-Apparate spinnen. Diesen Denkbobbel drücken sie gedankenschwer platt und polieren ihn mit weiteren scharfen Denkschmirgeleinheiten und gerippter Großhirnrinde zu einer Spiegelfläche, in der sie sich dann erfolgreich gleichzeitig beim Denken beobachten können. Viele denken, dazu gehöre Abitur oder eine akademische Laufbahn – es reicht aber tumbe Gier nach sich selber (TGNSS). TGNSS wird mit der Geburt in gerecht auf alle Menschlein verteilten Dosierungen erworben. Viele Intellektuelle halten ihre Klugheit sogar für sexy – dabei sind sie einfach nur traurig. Gedanken sind nicht nur substanziell genderfreier Stuff, sie sind existenzielle Schmerzware, sie deuten sinnlos eine sinnlose Welt aus. Sexiness jedoch hat, wenngleich ebenfalls völlig sinnlos, nichts mit Gehirnströmen zu tun, sondern bedarf mitunter Körperlichkeit. Eine Kategorie, die klugen Menschen oftmals fern ist. Körperlichkeit, Sport, Bewegung – Menschen, die nur aus Gedanken bestehen, bewerten solche konkreten Lebensäußerungen als physische Albernheiten. Allein schon deswegen, weil man da gar nicht mehr zum Denken kommt. Sie bevorzugen die gedankliche Annäherung an Sport. Oft beobachtbares Phänomen bei Akademikern: Der Möglichkeit, selbst herzerfrischend Fußball zu spielen, ziehen sie ästhetizierendes Fußball-Fantum vor. Und was nun? Unsere Gehirne, unsre Hirne! Sollen wir aus ihnen Hüpfburgen für Augsburgs Innenstadt kneten? Sie teilen und mit Honig bestreichen, auf dass sie aussehen wie große Walnusshälften? Sie, ein Liedlein summend, tieffrosten und sie dann als Ziegel für den Bau cooler Reisebüros verwenden? Es ist wahr: Die Angst, unvermittelt, sitzt den Menschen schon am Frühstückstisch auf den Cornflakes. Martin Vodalbra ist die geistige Mobilitätsdrehscheibe Augsburgs. Auf Autobahnraststätten bietet er nächtliche Familienaufstellungen nach Hellinger an. Seine Finger ruhen nach dem Schreiben in mit Rosenwasser gefüllten Schälchen. www.facebook.com/martin.vodalbra Sachdienliche Hinweise
Pornobama, am Fließband rama dama!
![]() 25.März/Martin Vodalbra
Als der Kolumnist neulich am Tisch saß und gepresste Blumen ins Album
klebte, war seine kontemplative Tätigkeit von wohligen Klängen aus dem
Rundfunkempfänger begleitet. Plötzlich jedoch war mitten in der Blumen-
Klebstoff-Muße im Radio aufzuschnappen, dass offenbar dem US-Präsidenten
etwas passiert sei. Huch. Die Rede war von einem Obama-GAU.
Interessiert horchte der Kolumnist auf, um dann laut zu lachen. In der
Sendung war nicht die Rede von Obama, sondern von Oberammergau.
Würden doch alle Augsburger nachmittags um 14.30 Uhr in bereiteter
Hütte sitzen und Blütenblätter wohl bedacht auf schneeweißes Papier kleben.
Die Welt wäre eine zwar um nicht wenige Grade einfältigere,
aber bessere. Der fortschreitenden Industrialisierung der
Welt ein mahnendes Zeichen entgegensetzen - das
geht nur durch Blütenblätterpressen in alten, dicken
Büchern, durch ausgiebig romantisches Glotzen
(Motto: Fuck Brecht) auf moosgrün-silbern schimmernde
Waldseen oder durch Spaziergänge
nicht nur in dunkelroten Samthosen, sondern
auch in protestierender Langsamkeit, derweil
man sich schmucke Namen für allerlei herbeifantasierte
Kätzchen ersinnt.
Auch zum Stichwort "Industrialisierung" fällt dem Kolumnisten ein netter Verhörer ein. Ein Bekannter erzählte einst beiläufi g, dass er jemanden kenne, der bei den sieben Zwergen in Augsburg arbeite. Nun kann man hier zu Recht erstaunt sein, auch über die Beiläufi gkeit, mit der man dieses wunderliche Verhältnis erzählt bekommt. Nach zaghafter Nachfrage - niemanden sollte man zu rüde aus seinen Träumen wecken - stellte sich heraus: Zwar hatte der Bekannte etwas phonetisch Ähnliches gesagt. Gemeint war aber: Er kenne jemanden, der bei den Siemens-Werken arbeite. Fast ist man enttäuscht, oder? "Industrie" ist das diesmalige Thema im a-guide. Der Kolumnist weiß darum und hat das Thema trotzdem erst nach 878 Zeichen Textlänge eingebracht. Heftchef Jürgen Kannler ("Schreib ruhig noch abgefahrener") und Redakteur Florian Pittroff ("Du musst einfacher schreiben") werden toben. Aber der Kolumnist verweigert sich. Die Kolumnenproduktion selbst hat schon Industriecharakter. Die Texte entstehen wie am Fließband. Neues Heft, neues Thema, neuer Erguss. Wie ein Brausepäckchen dem anderen folgen die Aufsätze einander auf einem für den Schaffenden demütigenden Fließband. Hier muss man Ruhe einbringen, unaufgeregte Momente setzen. Waren die "Sachdienlichen Hinweise" zuvor geistige Hüpfburgen für die Sinne der Leser - tiefgefrorene Hunde explodierten, Stadträte rieben einander mit Mayonnaise ein und vieles mehr -, so verweigern sie sich gerade im Themenheft "Industrie" der Vermassung. Industrie ist Vermassung und beides sucks. Aber so was von. Mit derselben Mentalität, mit der man Braunkohle abbaut, bauen wir zum Beispiel Tiere ab, gewinnen wir in unserer Massentierhaltung Fleisch für den Ernährungsmarkt. Mit derselben Geisteshaltung, mit der in einer Zuckerfabrik Zuckerwürfel hergestellt werden, jagt man beim gymnasialen Schulsystem G8 nun Schüler durch ein Prägesystem als kleine Leistungswürfelchen in den Rachen der Wirtschaft. Auch Kultur und Kunst - wenn man schon vom Menschen spricht - sind der Industrie anheimgefallen. Viel Publikum stehe für hohe Qualität, so hier der Marktschreiermythos. Je mehr Menschen ihre Aufmerksamkeit einem Werk widmeten, umso höher müsse sein Rang sein, wird angenommen. Konsequente - aber sich nicht immer ihrer exemplarischen Vorreiterrolle bewusste - Ver treter von Vermassung sind zum Beispiel popkulturelle Phänomene, Politik oder Pornografi e. Sie überzeugen durch Massenwirksamkeit, idiotensichere Auskanonisierung und ausgeprägten Industrialisierungscharakter. Sie richten sich in möglichst vielfältiger Weise an viele und erzeugen ein Wirgefühl. Kunst jedoch, lieber Leser, richtet sich an wenige und erzeugt Einsamkeit. pS: Obama-GAU? Immer Oberammergau! "Bammelumobama " könnte das neue In-Wort werden. Mit der Bimmelbahn zum Bammelboom um Obamas Bummeltum. Martin Vodalbra ist die geistige Semmeltaste Augsburgs. Er arbeitet als Stadttherapeut und K.-o.-Lumnist der leisen Töne. Hört man genau hin, so brutzelt Applaus in der mit dem Öl seines Herzens gefetteten Publikumspfanne. www.myspace.com/martinvodalbra Sachdienliche Hinweise
Grabesstille, Griblstulle, Grübelstelle
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Berlin! Das Beste an Berlin, soll Brecht gesagt haben, sei der Zug nach
Augsburg. Oder so ähnlich zumindest. Um dies zu überprüfen, hat er
selbst – und ihm folgten a-guide-Autor Max Stumpf und Linkspolitiker
Alexander Süßmair – die Fuggerstadt Richtung Berlin verlassen. Augsburg,
intellektueller Schonraum, nistend in der Achselhöhle Münchens,
ruft den Bertie heute noch, nicht nur in Form eines Brechtfestivals.
Wahr ist natürlich, dass die Fuggerstadt der deutschen Hauptstadt an Innovationskraft und Visionsvermögen in nichts nachsteht. Fiel weiland im einst geteilten Berlin die Mauer zwischen Ost und West, so riss man in der bis dahin ungeteilten Kommune Augsburg visionär die Mauer zwischen Sport und Kultur hernieder. Dazu brauchte es große Vordenker wie Michail Gorbatschow und Augsburgs Dritten Bürgermeister Peter Grab. Perestroika meets Peterstroika! Zwischen Sport-Ossis und Kultur-Besserwessis begann in Augsburg ein leidenschaftlicher Streit: Darf man Sport und Kultur in einem gemeinsamen Referat zusammenlegen? Grab selbst hat darauf hingewiesen, dass dies kein Sakrileg sei: Denn freilich war der Sportbereich zuvor schon dem Finanzreferat zugeordnet, davor sogar dem Ordnungsreferat. Haben aber deswegen – wie bei »ku.spo« – damals Volleyballturniere im Finanzamt stattgefunden oder Politessen Aerobicstulpen getragen? Nicht alles, was sich nebeneinander findet, muss auch gleich etwas miteinander anfangen. Freilich: Richtig ist’s, dass es berühmte Paarfügungen wie Fix und Foxi, Rock and Roll, ja sogar Tick, Trick und Track gibt, die ständig zusammen gesehen wurden. Aber haben diese deswegen zusammen entsprechende Referate gebildet? Nein. Möge die Welt an Fix und Foxi lernen. Sie waren’s in absichtslosem Selbstgefallen einfach zufrieden, sie selbst – nämlich einmal Fix und einmal Foxi – zu sein. Das Glück des Lebens liegt darin, sich mit dem abzufinden, was man selbst ist. Ein Kritiker dieser weisen Gedanken finde sich damit ab, ein Kritiker zu sein, und schon geht es ihm rasant besser. So gelte: Einander zuordnen ja, aber kein Gspusi bitte! Auch der Kolumnist ist der Stadt Augsburg zugeordnet. Das heißt aber nicht, dass es beide Seiten hinsichtlich eines Tête-à-tête betreiben müssten. Noch nie, noch gar nie aber hat den Kolumnisten auch nur ein Stadtrat zuhause besucht. Auch der Kolumnist nicht eine Stadtratssitzung. Irgendjemand hielt von innen die Tür zu. Kolumnist und Stadt koexistieren so ohne Referatsbildung friedlich nebeneinander. Wie auf dem Friedhof ein Grab neben dem anderen. Hören Sie die Stille? Diese süße Grabesstille? Tête-à-tête a Täterä! Viel Dummes plappert so der Kolumnist, wenn der Tag lang ist, und viel Unsinn schreibt er, wenn das Honorar hoch, die Seite lang und er breit ist. Und trotzdem sagt er mitunter viel ernst Gemeintes, ohne das dieser eitle Artikel sonst weder Stringenz noch Stringtanga aufweisen würde. Deshalb spricht er nun: Ja, so lasset uns angesichts der Weltwirtschaftskrise Kultur und Sport nicht inhaltsverknüpfend, aber administratorisch zusammenlegen. Möge beidem jeweils der Geldstrom zukommen, der ihm jeweils in Gottes Schöpfungsplan vorgesehen ist. Also die Finanzierung einer Impuls- Arena für die Kunst und die einer kleinen Aphrodite- Statue für den Sport. Man verhindere aber, dass man die Aphrodite in die Arena stelle. PS: »Grabesstille, Griblstulle, Grübelstelle« – so der im germanischen Stabreim gehaltene, schmucke Titel dieses Aufsatzes. Die Telefone werden klingeln und die Leser fragen: Was ist eine Griblstulle? Die Wortschöpfung vereint den Namen unseres Bürgermeisters gekonnt mit der Berliner Bezeichnung für »Scheibe Butterbrot«; ein semantischer Geschlechtsakt, der im Lichte der von Gribl ersonnenen »Semmeltaste« (Brot – got it?) geschieht. Denn das Beste an Berlin, soll Gribl gesagt haben, ist der Zug nach Augsburg. Martin Vodalbra bekommt am Mittwoch, 10. Februar, im Augsburger Rathaus aus der Hand von Peter Grab den Bertolt-Brecht-Preis verliehen. »Vodalbras Einsichten nehmen die Lösung von Problemstellungen vorweg, die sich geistesgeschichtlich erst viel später in der Breite der Öffentlichkeit zu Wort melden.« (Albert Ostermaier) www.myspace.com/martinvodalbra Sachdienliche Hinweise
Auferstanden von den Moden
![]() 27.November/Martin Vodalbra
In wenigen Jahren werden wir sterben. Abgesehen davon, dass der Autor
mit diesem Satz schon immer einmal seine Kolumne beginnen wollte –
der Sachverhalt macht vielen Augsburgern Angst. Von ihm versuchen sich
die Fuggerstädter durch das Tauschen von Kochrezepten oder den Bau
neuer Straßenbahnlinien abzulenken.
Beliebteste Form der Ablenkung von unangenehmen Dingen ist Abkapselung von der Umwelt. Dies kann zunächst geschehen durch Verpuppung in Gedankengespinsten, also known as Wahnsinn, Ideologienpolitik oder »Sachdienliche Hinweise«- Kolumne. Erzählt man den Menschen dann davon, dass sie selbst nur aus eigenen Gedanken bestehen, so beginnen sie, sich besorgt wiederum darüber Gedanken zu machen. Ein Teufelskreis. Wem Gedankenprozesse konstitutiv in größerem Rahmen nicht zur Verfügung stehen, der wendet sich gern der Mode zu. Um darüber hinwegzutäuschen, lediglich ein Holzscheit im Verbrennungsofen der Evolution sein, kleidet man sich in schmuckem Gewand. Modisches Bewusstsein sorgt nicht nur für stilistischen Distinktionsgewinn, auch existenzieller Nondualität wird entgegengearbeitet: Beinkleider, Hemden, aber auch subtilere Bekleidungen wie Haarspray oder Parfum sorgen für eine Hülle um den eigenen Körper, der sich somit als vermeintlicher Unikatszipfel vom sterblichen Weltrest absondern kann. Die beiden Anti-Tod-Strategien im Vergleich: Modische Wahl geschieht im Gegensatz zum Denken in vollem Bewusstsein. Seine Kleidung wählt man freiwillig. Aber der Leser prüfe sich: Denkt er wirklich freiwillig? Somit steht der Modebewusste über dem Intellektuellen – hinsichtlich seiner Unschuld und der damit kunstvoll verknüpften souveränen Selbstbehauptung. Denn: Stil speist sich – dies teilt der Modeexperte Vodalbra seinen Lesern nachdrücklich mit – immer aus entweder zwei Dingen: pure Lebensverzweifl ung oder pure Lebensfreude. Viele Leser werden angesichts des Gesagten denken: Was für ein hehrer Unsinn! Doch was der Kolumnist hier schreibt, ist richtig, weil es nicht falsch ist. Beschwingt argumentiert er weiter: Weitere Formen todesangstinduzierter Abkapselung sind das Hören von Musik mit Kopfhörern und das Autofahren. Es gibt keinen – der Kolumnist wiederholt: keinen – Unterschied zwischen einem Kleinkind, das sich trotzig die Ohren zuhält, und einem Menschen, der sich mit sich schließender Autotür in seinem Fahrzeug von der Umwelt abschottet. Auch ein Teenager, der sich in der Straßenbahn seine Ohren mit den Kopfhörern seines iPods verstöpselt, tut dies allein aus Todesangst. Konsequenteste Fortsetzung von Kopfhörer und Auto ist der Sarg. Er ist die vollkommene Abkapselung. Ein erschreckendes Detail ist übrigens, dass jeder MP3-Player und jedes Auto zumindest hinsichtlich ihres Materials länger leben werden als ihr Benutzer. In privaten Testreihen durfte der Kolumnist feststellen, dass Särge dem allem Weltlichen auferlegten Zerfall in der Regel länger standhalten als ihr jeweiliger Inhalt. »Bifi « dürfte hingegen das einzige Fleisch sein, das so lange hält wie seine Verpackung. Der Kolumnist hat sich nun eigens für diesen Artikel Gedanken darüber gemacht, bei welchen Dingen die Verpackung nicht so lange hält wie der Inhalt. Gegenentwürfe zum Sarg wären somit: Kinderüber raschungs ei, Brief, Zähne mit Goldfüllung und Wahlprogramme von Parteien. Apropos MP3-Player: Selten wird der Zusammenhang von Pop und Tod beleuchtet. Menschen, die in ganz besonderem Maße von existenzieller Angst geplagt sind, hören Popmusik. Pop lebt von der Wiederholung, dem Wiedererkennen von Bekanntem. Wiederkehrende Refrains sorgen für Sicherheit und Heimeligkeit. In gewissem Sinne ist Pop daher nicht die jugendlichste, sondern die konservativste Musikform, die man sich zuführen kann. Menschen ohne nennbare Lebensangst hören hingegen Jazz. Jazz ist vertonte Kontingenz, ständiges strukturelles Sterben. Jazz ist nämlich keine Musik. Man lauscht nur dem, was sich aus dem Moment ergibt. Ist Jazz dem Jetzt verhaftet, so schielt Pop auf Vergangenheit (der Refrain, der bereits war) und Zukunft (der Refrain, wie er endlich wieder kommt). Komposition beruht auf Zeit, und damit ist Pop Musik. Jazz ist eigentlich also völliger Quatsch. Drum auch hier: weg damit. Martin Vodalbra ist der Pfahl im Fleisch von »ku.spo« und lebt zusammen mit drei strammen, durchtrainierten Bauarbeitern in Augsburg in einer zum Ortsteil erstarrten Supermarktkassenwarteschlange: in Pfersee www.myspace.com/martinvodalbra Sachdienliche Hinweise
Adamat, Amanta, Xalatan!
![]() 28.September/Martin Vodalbra
»Achtung, eine Testdurchsage. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf.« Durchsage
der Augsburger Verkehrsbetriebe am Königsplatz, Freitag, 8. Mai 2009
Viele gehen ins Stadion und schauen Fußball, weil sie Pokale sehen
wollen. Der Kolumnist geht gerne in die Apotheke, weil er Vokale sehen
will. Sie sind leicht zu gewinnen und warten als freundliche, klangvolle
Wesen darauf, auf Medikamentenverpackungen entdeckt zu werden. Hallo
Vokale, sagen die Augen. Hallo, Glotzbebbele, sagen die Vokale. Und
wie lust- und klangvoll tanzen dann die Medikamentenamen: Adalat,
Amanta, Xalatan! Lisinopril, Rowanirex und Oviol! Vigodana, Optomil
und Piniol! Eudur und Udima! Osmofundin, Farmorubicin und Agiolax!
Schöner kann kein Vogel singen, bess’re Beschwörungsformeln kein Zaub’er
spinnen. Zacpac! In der reizarmen, kaum lebenswerten Welt außerhalb
der Pharmazieindustrie hingegen muss man lange nach derartigen Wohlklängen
suchen. Man findet gerade mal recht mühsam konstruierte Begriffe wie
Büroaroma, Fangomassage oder Osama Bin Laden (Mangofassade gilt nicht).
Wer Kindern also das Lesen beibringen will, der gehe zwecks leicht
lernbarer Begriffe mit ihnen die vokalvitale kapitale Apotheke. Vokale
sind das A und O in der Buchstabenszene! Sie sind Duft und Aroma der
Sprache, die restlichen Laute bilden den knatternden, bratzenden Beat.
Es ist zu beobachten, dass, je ernster und existenzieller der vom
Wort bezeichnete Sachverhalt ist, umso mehr Konsonanten auftauchen.
Je bedrängenderen Charakter dabei das Bezeichnete aufweist, desto
öfters folgen im Wort mehrere verschiedene Konsonanten hintereinander.
Beispiele sind schnell genannt. Stunde. Standesamt. Kopfschmerzen.
Wie anders dagegen klingen hier Worte wie Nutella, Balisto oder Maoam!
Vokale, die keine Vokale sind, sondern Konsonanten, nennt man Konsonanten.
Konsonanten, mit denen man weitläufig verwandt ist, heißen Konsogroßtanten.
Konsonanten, die im Weltall anzutreffen sind, Kosmonauten. Eine verrückte
Welt! Um das alles zu verstehen, muss man freilich mindestens Abitur
haben, geschweige denn die Uni besucht haben. Viele gehen an die Uni,
weil sie Vokale sehen wollen. Andere studieren an der Uni, weil sie
Lokale sehen wollen. Beide Gruppen halten sich so 50 zu 50 Prozent
die Waage. Als komplett enthemmte Provinz ziemt es sich natürlich
auch für Augsburg, eine Uni zu haben. Es gibt dort zwar Hörsäle, die
kein einziges Fenster haben, und die Anstalt sieht aus wie ein Landratsamt
aus den Siebzigern, aber immerhin, es ist eine Uni. Der studierte
Leser wird sich fragen, wo denn dieses Mal der rote Faden in der Kolumne
ist. Um ehrlich zu sein, hat der Kolumnist den Link zur Uni nur eingebaut,
weil »Universität« das Thema der vorliegenden a-guide-Ausgabe ist.
Bis jetzt hat das doch ganz gut geklappt, oder? Und trotzdem hat er
über sein geheim eingeordnetes Thema »Schönheit der Vokale« geschrieben!
Und jetzt, damit es niemand merkt: Uni, Uni, Uni! Während junge Menschen
dort, an der Universität, geistige Synkopen auskosten, um dann nach
jahrelangem Entgelten von Studiengebühren räudig auf den Arbeitslosenmarkt
geschmissen zu werden, hat man sich in Augsburg Stadt und Land darauf
geeinigt, das finanziell zu rettende fuggerstädtsche Klinikum in eine
Uniklinik umzuwandeln. Im September noch gelang es, mit der Ausstellung
»Körperwelten« in den nahen Messehallen die Pathologie in Nähe Universität
zu rücken. Wenn man Sport- und Kulturreferat zusammenlegen kann, warum
dann nicht auch Leichenfrevel und Geistesgunst? Der Kolumnist weist
aber auch auf andere Gefahren hin. Wie schnell ist zum Beispiel eine
Kliniktür mit einer Türklinke verwechselt. Oder Klinikenputzen mit
Klinkenputzen. Aber Vorsicht: Türklinken, Tierkliniken und Klinikcliquen
sind völlig verschiedene Sachen. Der Kolumnist legt nun sein Crackpfeiflein
beiseite, er ist nicht recht weitergekommen, der Leser aber dafür
hoffentlich um so mehr. Adamat, Amanta, Xalatan!
P.S.: Kennt noch jemand Kurt Franf? Um nicht mit Frankfurt verwechselt zu werden, nannte er sich einst in Franz Durz um. Adamat, Amanta, Scharlatan! Martin Vodalbra ist die geistige Semmeltaste Augsburgs. Er droht der Augsburger Geisteswelt, sich für einen ihm gewidmeten Brunnen auf dem Stadtmarkt zu bewerben, und managt das Programm auf vielen Kreuzfahrtschiffen der Welt. Vieles, was er schreibt, wird veröffentlicht. www.myspace.com/martinvodalbra cogito ärger sum
Summa summarum summsumm
![]() 29.Juli/Martin Vodalbra
Vieles schuf Gott, bevor Adam und Eva aus dem Paradies verbannt wurden. Darunter manch Beeindruckendes. Aus Erde, Odem und einem Quäntchen Renitenz schuf er den Augsburger, aus dem Baustoff Zeitlupe formte er Giraffen, aus dem Urmaterial Griesgrämigkeit Senioren, die einem in der Straßenbahn mit dem Spazierstockknauf auf den Schädel hauen. Adam und Eva aßen daraufhin vom Baum der Erkenntnis – und fortan war ihnen möglich, wovor der Allmächtige sie aus gutem Grunde beschützen wollte: Sie konnten zwischen Gut und Böse unterscheiden. Das urteilende Denken war geboren – freilich nicht in Augsburg, sondern noch im Garten Eden – und die Menschen nutzten ihren Geist fortan dazu, sich die Welt gedanklich bis zur Bewusstslosigkeit einzuverleiben.
Davon waren sie hirn- und hergerissen; und in ihrer Gerissenheit begannen sie, sich selbst für voll die Kings zu halten. Gott verwies daraufhin Adam und Eva aus dem Paradies und hinter der Tür, durch deren Öffnung er zu gehen bat, warteten die Gegenentwürfe des Paradieses: Augsburg, Bielefeld, Meitingen. Nun sitzen die Menschen verloren in Straßencafés, trinken Latte Macchiato und denken nach. Viele von ihnen gehen dabei davon aus, dass das Denken sie zu Wesen mit Bewusstsein mache. Nahezu das Gegenteil ist aber der Fall: Wir sind oftmals so darin verstrickt, Gedanken zu fabrizieren, dass wir uns und unsere Umwelt gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Ganz so, wie ein Vogel Strauß bei Gefahr seinen Kopf in den Sand steckt, stecken wir bei akuter Realität nichtwissend unseren Kopf in einen Treibsand aus Gedanken. Nun ist Denken eine durchaus aparte Sache, die in Beruf und Freizeitgestaltung leistungsbezogen von Gewinn sein kann. So kann man zum Beispiel im Zoo stehen, Giraffen betrachten und dabei denken: Diese wunderschönen Tiere bewegen sich so grazil, dass sie wie gefrorene Zeitlupe im Schnelltempo erscheinen. Dieses geile Gefühl ist allein courtesy sponsored
by Gedanken. Problematisch aber wird das Denken, wenn Menschlein anfangen, sich mit ihren Gedanken zu identifizieren. Sie sind sich gar nichts mehr bewusst, nicht mal mehr ihrer Gedanken.
Würden wir den ganzen Tag nonstop darauf achten, wie unser Herz schlägt, oder in jeder Sekunde auf das Knacksen unserer Knochen hören, würden ren wir den ganzen Tag zu. Wir denken sogar, dass die Gedanken wir selbst sind. Man kann das gelungenen, fortgeschrittenen Wahnsinn nennen. Hochmütige Menschen schauen gerne abschätzig auf psychisch kranke Personen herab, die davon berichten, »Stimmen im Kopf« zu haben. Die Wahrheit ist, das alle Menschen Stimmen im Kopf haben. Ohne jegliche Vorbehalte lauschen wir den ganzen Tag unseren Gedanken. Verrückt zu sein ist keine Wesenssache, sondern eine graduelle Angelegenheit. Wir schenken Stimmen aus dem Radio Glauben, hören im Auto auf die Stimme des Autonavigators. Manche hören sogar auf ihren Chef! Allein, weil auf einem Stück Papier – unserem Kaufvertrag – steht, dieses Haus oder Auto gehöre uns, glauben wir es. Der Vertrag verwandelt sich zu einer Stimme in unserem Kopf, die sagt, dass dies oder jenes uns gehöre. Dass einmal der Mensch auf dem Mond war, meinen wir deshalb zu wissen, weil es uns jemand erzählt hat, nicht, weil wir selber mit dabei waren. Auf eine gewisse Art unterscheidet sich ein an Schizophrenie Erkrankter auf recht gesunde Weise von einem sogenannten normalen Menschen, da Ersterer die Stimmen als abgetrennt von sich und als beängstigend erlebt, Letzterer aber die Verve hat, das, was ihm seine Gedanken erzählen, für »sich selbst« zu halten. Unsere Umwelt ist voll an derlei kognitiven Härtefällen. Der einsichtige Leser wird erkennen, dass der Schreiber dieser Zeilen recht hat. Wäre das nicht der Fall, hätten Sie bisher gar nicht weitergelesen. Denken ist die eine Sache, die Gedanken aber mit sich selbst zu verwechseln, ist das andere. Würden Sie in einen Bus steigen, dessen Fahrer ständig ruft: »Haha! Ich bin der Bus!«? Würden Sie einen Bürgermeister wählen, der sagt: »Ich bin die Stadt!«? Solchen Menschen würde Wahnsinn unterstellt. Der Gedanke »Ich bin meine Gedanken« aber wird in unserer Kultursphäre – unterstützt durch diverse Lobbys – als »gesund« verteidigt. Machen Sie sich mal ihre Gedanken. Der Kolumnist muss jetzt aufhören – es klingelt an der Tür. Polizei! Schnell weg! Martin Vodalbra ist die geistige Semmeltaste Augsburgs. Viele seiner Gedanken werden auf Partei-Sonnenschirme und lose Zuckertüten gedruckt. Weitere Infos: www.myspace.com/martinvodalbra Der gedachte Sommer
Sommer? Festival? Kultur? Bitteschön: die Verleihung des Ingeborg-Bachmann-
Preises diesen Juni. Dazu hat der Kolumnist einen unartigen Aufsatz
verfasst, der hier zu lesen steht … a one, a two, a three:
![]() 29.Mai/Martin Vodalbra Was Literaten und Literaturwissenschaftler (bzw. -kritiker) verbindet, ist
die einfache, blanke Unfähigkeit, das Alltagsleben zu bewältigen. Der Literat kompensiert das ihm entrinnende Leben und subsituiert es mit Tinte und Blätterteig. Gedanken, Buchstaben und gewisse grammatikalische Fertigkeiten sollen, so glaubt der Autor, ihm helfen, physische
und realpsychologische Fährnisse zu bannen und durch diese Kühnheit seit frühen Kindheitstagen wieder bei Lebenstüchtigen zu punkten. Leser wie Literaturwissenschaftler ernähren sich von den papierdünnen Scharaden des Autoren.
Literaturfans sind zartfühlende Wesen, die unter der Verrohung ihrer Umwelt leiden. Sie zerbrechen klirrend am Praxishoch der Realität; daran, dass der Berufs- und Gesellschaftsalltag kein Ort für Nuancen ist. Die Esse bundesrepublikanischen Lebens hat wenig Charme und oft hilft ein Lyrikband erst dann weiter, wenn man ihm dem nervenden Nachbarn oder Arbeitskollegen auf den Kopf schlägt. Von solchen Einsichten sind die Literaturwissenschaftler ob oftmals potenzierter Lebensunfähigkeit Lichtjahre entfernt. Da draußen tobt ein Leben aus Fleisch und Atem, aus süßen Granatäpfeln und zuckerbelippten Frauen. Dass Äpfel prima nach Äpfel schmecken, Schnitzel intensiv nach Schnitzel, dass Freude einem das Herz lachen lässt und »Schmerz« ziemlich schmerztypisch schmerzt, ist dem Literaturwissenschaftler zu viel. Er zieht ein Leben im Konjunktiv vor. Das vitale Mark des Lebens steigt ihm zu Kopf, für begrüßenswerter hält er es, ein Gedankenskelett zu sein. Listig behauptet er, es sei ihm alles nicht zu viel, sondern zu wenig. Sein Freund ist die Druckerschwärze. Sie ist dunkel genug, seine Herzensdüsternis spiegeln zu können. Trotz allem deklariert der Wissenschaftler seine Tätigkeit als »Liebe« zur Literatur. Nun ist diese seine Zugewandtheit eine besondere. Er analysiert, er seziert, was er zu lieben meint. Wer käme auf die Idee, den Menschen, den er liebt, mit einem Skalpell aufzuschneiden und zu sezieren? Aha, das ist die Leber und dort die Milz. Auch die Stuhlproben sind aufschlussreich. Ist ja interessant, wie meine Liebste funktioniert! Der vermeintliche Liebesakt des Wissenschaftlers ist somit eine rein pornografische Geste, die sich in ihrem Interesse und ihrer Übergriffigkeit rein auf das Mechanische beschränkt. Und bald liebt der Chirurg das Skalpell mehr als den Patienten. Dabei ist eigentlich klar: Ein Literaturkritiker ohne Literaturschaffenden ist verloren. Und nun noch ein Verdacht: Literaturwissenschaftlern ist Geist, Kunst und Absicht der Literatur zunächst einmal grundsätzlich fremd. Sonst würden sie nicht so einen Aufstand machen, sie begreifen zu wollen. Schriftsteller und Leser, beide zwar schwächliche Geschöpfe, ahnen indes: Jeder Roman, jedes Gedicht, jedes Theaterstück ist ein Vehikel, anhand dessen man an einen anderen Ort gebracht werden will. Wenn man an dem neuen Ort ist, wozu braucht man noch das Vehikel? Während Literat und Leser nach der Lektüre längst an einem sittlich oder erkenntnismäßig neuen und frischen Ort weilen, starrt der Literaturwissenschaftler weiter unablässig auf das Fahrzeug. Weiterzugehen verbietet ihm zwar nicht zwingend seine Profession, aber sein Standesdünkel. Dies ähnelt dem, einen Wegweiser zu entdecken, auf dem »Paradies « steht, und dann das Schild selbst für das Paradies zu halten. Zeigt der Finger eines Wegweisenden in eine Richtung, so sollte man nicht beginnen, an diesem Finger zu nuckeln, sondern den Weg in die vorgeschlagene Richtung zu gehen, um dort die Dinge für sich zu prüfen. Es kommt vor den Toren Augsburgs selten vor, dass anreisende Autofahrer anhalten, um das Ortsschild der Stadt zu bestaunen: »Oh, das ist also Augsburg.« Gesunde Menschen fahren weiter in die Stadt und verlieren fünf Minuten später keinen fucking Gedanken mehr an das Ortsschild. Wenn man so will, kommt der Literaturwissenschaftler nie in die Stadt. Die Stadt heißt Klagenfurt, der Wettbewerb um den Bachmannpreis geht von 25. bis 28. Juni. Martin Vodalbra ist die geistige Semmeltaste Augsburgs. Er hat fucking Literaturwissenschaften studiert und ihm ist schwindlig. Weitere Infos: www.myspace.com/martinvodalbra Ich heiße nicht Kurt Gribl und
du bist nicht Peter Grab
Mein Gewand in Winden wehet, Wie der Geist mir lustig fragt, Worin Inneres bestehet, Bis Auflösung
diesem tagt. (Friedrich Hölderlin, umnachtet, vor 1841)
30.März/Martin Vodalbra
“30 Stadträte und fünf Eimer Mayonaise – den Rest kann man sich ja dann vorstellen”, dies war
holzschnittartig die - zugegebenermaßen: launische - Vorstellung des Kolumnisten von einer gängigen
Stadtratssitzung. Durch Zeitungslektüre und rege Alltagsbeobachtung aber erkannte er bald
den politischen Charakter einer solchen Zusammenkunft und fällte fortan bei geselligen Umtrünken
geläutert ein milderes Urteil über lokalpolitisches Engagement. Dennoch gärte in ihm weiter
ein kühner Wunsch: ein Stadtrats-Musical zu schreiben.
Ein Vorentwurf? Nun denn, frisch auf! Die Handlung des Musicals geht wie folgt: Durch digitale Ungereimtheiten innerhalb des Kosmos‘ kommt es dazu, dass der Stadtrat leakt. Innert weniger Tage gelangen über p2p-Filesharung-Netzwerke Programm-Quellentexte des Gremiums an die Öffentlichkeit. Eine tolle Handlung! Mit dabei im Leak: wertvolle Youtube-Links, die in die Hirne von z.B. Kurt Gribl und Peter Grab führen. Ähnlich wie im Film “Being John Malkovich”, wo man für geraume Zeit in den Körper von Malkovich schlüpft, ist es nun Schurken möglich, über Youtube- Live-Monitoring durch die Augen Gribls, Grabs oder sogar Grabls zu sehen. Im Musical machen sich die ersten Computer-Cracks daran, den Quellentext mit dem Online-Game “World of Warcraft” zu amalgamisieren, um die Stadräte als Multi-Avatare für 16-jährige Schüler lenkbar zu machen. Ein basisdemokratisches Ansinnen, dessen Radikalität allerdings das Sondereinsatzkommando “Stop Griblsharing” zu verhindern weiß. Mittlerweile sitzt der arme OB in seinem Büro und ihm ist schon ganz schwindelig davon, dass fremdes Publikum im Rezeptionsfeld seiner Augäpfel durch sein, Gribls, Leben mitreist. Den anderen Stadträten geht es ähnlich. Alle zusammen im Sitzungssaal verschanzt, sitzen sie vor ihren Laptops. Einem Impuls folgend logt Gribl sich in Youtube ein, wagt den Kurzschluss und schaut sich per Gribl-Clip an, was er selbst durch seine eigenen Augen sieht: Nämlich sich selbst als im eigenen Schauen um Ins-Schauen-Schauende Erweiterter. Dieser Rainer-Maria-Rilke-artige Existenzmodus versäumt es nicht, auch nach den Herzen der anderen Stadträte zugreifen. Sie alle folgen dem Beispiel Gribls, schlüpfen in ihren ureigenen Youtube-Channel wie als wären’s Geburtskanäle und werden ebenfalls im eigenen Schauen um Ins-Schauen-Schauende Erweiterte. Dionysisch schwelle hier im Musical die Musik an. Während das Musical-Publikum staunt, wie weitsichtig Politiker sein können, sobald man sie mal angesharet hat, klingt die Musik ab. Der Hausmeister, bepackt mit Mayonaise-Kübeln, betritt den Raum. Peinlich berührt bleibt er stehen und sieht die im eigenen Schauen ums Ins-Schauen-Schauende Erweiterten. Der Hausmeister beugt sich nach unten und flüstert einem Heizungskörper zu: “Ich heiße nicht Kurt Gribl und du bist nicht Peter Grab.” Hat der Mann vergessen, dass ein Heizungskörper kein lebendiges Wesen ist? Sind alle verrückt geworden? Das Musical lässt diese Fragen des Publikums an dieser Stelle in einer Art funkelnder Stadtratsmystik geschickt offen. Ein cleverer Schachzug von mir! Und: Da! Ein Mischgestalt aus Papageno und Puck betritt zum Schluss die Bühne und verliest eine Schauermeldung aus der Zeitung: In Regensburg und Passau sei es inzwischen soweit gekommen, dass sich die Stadträte, wie ansonsten im Mayonaise-Gemenge, nicht mehr unterscheiden könnten. “Patsch!”, klatscht Papapucko in die Hände. Und entlässt die Zuschauer nachdenklich in die Nacht. Martin Vodalbra ist die geistige Semmeltaste Augsburgs. Im a-guide montiert er Augsburg regelmäßig die Schädeldecke ab und operiert es am offenen Gehirn. Gerichtspschiater bezeugen dem Kolumnisten geistige Gesundheit. Wenn wir alle den Gürtel enger schnallen und ergebnisoffen die Dinge prüfen, so Vodalbra, dann schaffen wir es. Pop auf Kommission
![]() 26.März/Martin Vodalbra
Es gibt einen Cartoon von Gary Larson, der eine friedlich grasende Schafherde zeigt. Mittendrin stellt sich ein Schaf auf die Hinterbeine, reißt beide Vorderläufe in die Luft und ruft seinen Genossen zu: »Passt mal auf! Hört mir endlich zu! … Wir können mehr sein als Schafe!« In Augsburg passiert Ähnliches etwa alle drei, vier Jahre. Menschentrauben purzeln gerade eigentlich brav durch die Annastraße, Einkaufstüten in der Hand und die nächste Einkehrgelegenheit für einen Latte macchiato im Sinn. Das Leben ist gut, die Szenerie von bürgerlicher Genügsamkeit erfüllt. Plötzlich schmeißt ein Passant seine Tragetaschen in weitem Bogen von sich, reißt beide Arme in die Höh’ und ruft den anderen zu: »Hört! Hört! Wir können mehr sein als Augsburger!« Totenstille hits schlagartig the place. Die Gehirnwindungen der abrupt stehen gebliebenen Augsburger winden sich innerschädelings zu Fragezeichen: »Augsburg? Augsburg kann mehr sein als der kleine Schweißtropfen in der Achselhöhle Münchens?« Arbeitskreise werden gebildet, Bürgerinitiativen initiiert, in der Augsburger Puppenkiste dem armen Urmeli heimlich die Fäden durchgeschnitten. Und so geht das dann weiter! »Möchtegern-Europäische Kulturhauptstadt, Fuggerstadt, Brechtstadt, Dieselstadt, Mozartstadt, abc-Festival-Stadt – Augsburg, sei doch einfach mal Augsburg. Du, Fuckburg, sag doch einfach mal gar nichts. Man kommt dann echt viel besser zum Nachdenken. Teure Steuergelder finanzieren den Augsburgern einen a-guide- Kolumnisten – dessen Aufgabe ist es, viel zu fabulieren. Augsburg muss gar nichts mehr tun. Der Kolumnist weiß auch, dass es Begriffe wie ›innerschädelings‹ gar nicht gibt. Doch ja, er weiß es. Nein, Augsburg muss nichts, aber auch gar nichts tun.«
Eben zitiertes Gebet spricht der Kolumnist jeden Abend. Freilich wurde es von einem m.E. überaus dunklen Gott noch nie erhört. Im Gegenteil, der Herr setzt noch eins oben drauf: Die Preise für Gas, Strom und Nahverkehr steigen, die globale Wirtschaftskrise floriert. Und was lässt der Herr Augsburg tun? Er lässt Augsburg inmitten dieses Szenarios auf Pop setzen. Pop ist bestimmt die Lösung. Denkt sich Augsburg, denkt sich der Popper, dachte sich die CSU im Wahlkampf. 2008 googelte und gurgelte die christsoziale Partei schnell »Pop« und ließ die Schranzen tanzen. Schnell und durchaus klug wurde als Wahlkampfvehikel eine »Popkommission« installiert und – aber nur gegen Kreuz an der richtigen Stelle auf dem Stimmzettel – eine Art nach der Wahl noch weiter auszudefinierender, kommender Popmessias versprochen. Pop in gefühlter Vierspurigkeit! Mittelfinger of Rock statt Fünffingerlesturm! Augsburg, Zwiebelturmsuppe in Pop! Wie freilich hinlänglich bekannt, wird Pop ähnlich Rohstoffen wie Styropor, Ingwer und Tamponwatte in rumänischen Stollen abgebaut. Nun weist Augsburg weder nennenswerten Bergbau auf noch liegt es in Transsylvanien. So steht die CSU etwas ratlos vor dem Phänomen Pop. Im Klartext heißt dies: Statt dass sich Augsburg auf seine Ressourcen besinnt – Zwiebeltürme, Zwetschgendatschi, Zwangsneurosen–, verhebt es sich ganz leicht. Augsburg (wer oder was ist das überhaupt?) hat keine Ahnung, was Pop ist. Erkenntlich ist das daran, dass seit dem Wahlkampf 08 in Augsburg Popkulturförderung parteipolitisch apostrophiert ist. Erkenntlich ist es auch daran, dass es nichts weniger als bezeichnend ist, dass alle, die in Augsburg über CSU-Pop diskutieren – von der Popkommission über deren Kritiker bis hin zum Kolumnisten selber – sich aus prägeriatrischen Bevölkerungsschichten speisen. Die Definitions- und Streitmächte sind zumeist und zumindest Endzeitzwanziger, die bereits verdächtig gelassen den Gestaden der Mittdreißiger-Bräsigkeit entgegendümpeln. Jugendkultur in Augsburg! Und getan wird, was Erwachsene immer gern tun: das, was sie einst jung erhielt, wirtschaftlich ausschlachten. Pop in Wachstumsraten. Die Bestandteile der Musik- und Clubszene als »weiche Standortfaktoren « mit »wirtschaftlichen Nebeneffekten« bezeichnen. Einst war Pop eher ein Standpunkt, in Augsburg wird er heute zum Standort. Möge sich die Augsburger Popwertschöpfung jedes Jahr um ein Prozent steigern. Der Kolumnist sagt: Wenn Sie etwas in Ihrem Körper haben, das jedes Jahr um ein Prozent größer wird – gehen Sie um Gottes willen zum Arzt und lassen Sie es sich rausschneiden. P.S.: Werd locker, Augsburg. Pop ist ein Abstraktum, das gibt es gar nicht. Es gibt Leute, die spielen Gitarre oder programmieren Sequenzer. Das nennt man dann Musikmachen. Da gibt es tolle Leute in Augsburg. Aber was ist denn Pop? Wenn überhaupt, dann ist diese Kolumne Pop. Und weg damit! Der innere Kuhkompass bleibt auf dem Teppich
![]() 28.November/Martin Vodalbra
Im neuen »Zeit«-Literaturmagazin stand unter dem Foto einer Autorin folgende Bildunterschrift zu lesen: »Ruth Klüger lebt auf dicken Teppichen und blickt zurück im Zorn«. Das gefiel dem Kolumnisten außerordentlich. Zwar war zu erfahren, dass Frau Klüger aus völlig angemessenen Beweggründen zürnend zurückblickte. Dennoch verhält es sich genauso – ja, oh ja, der Kolumnist spürte es! – dass auch er gerne auf dicken Teppichen wohnen und volle Kanne im Zorn zurückblicken – zumindest aber etwas in die
Gegend herumblicken -wollte.
Denn vor Vielem, insbesondere vor drei Dingen, verspürt der Verfasser dieser Zeilen Angst – und ein Teppich ist da immer gut. Die drei Dinge? Nachdem ich standesgemäß ein paar Blicke im Zorn von meinem Ikea-Teppich zurück auf Ichweißnichtwas geworfen habe, antworte ich: Frauen in Ponchos, Jockeys und der innere Kuhkompass. Jetzt Info: Auf den Kuhkompass führt man den Sachverhalt zurück, dass Kühe immer genau so in der Gegend herumstehen, dass sie nach Norden schauen. Im Klartext: Kühe im südlichen Königsbrunn schauen nach Augsburg, Kühe im nördlichen Meitingen zeigen der Fuggerstadt geschlossen den Hintern. Dieses allein durch Google-Earth oder eifriges Taxifahren im Landkreis belegbare Bild lässt freilich auch schon für sich schaudern. Aber die von der Wissenschaft als mögliche Antwort vorgelegte, bizarre Erklärung macht dem Kolumnisten noch mehr Angst: Angeblich sollen kleine Eisenpartikel in den Augen des Milchviehs für die Nordausrichtung sorgen. Frauen in Ponchos, Jockeys und Eisenpartikel in Kuhaugen – nun wäre es eine gute Idee, diese zwar angebrachten, im Alltag aber spürbar sanktionierten Ängste auszutreiben. Erst kürzlich las ich, sado-bekleidet in Jockey-Uniform, die Beschreibung einer Dämonenaustreibung im alten China. Der Exorzist brachte ins Zimmer des von einem Dämonen Befallenen einen Hahn, bespritzte den Boden mit dessen Blut und platzierte das tote Tier in der Mitte des Raumes. Denn dankbar zeigten sich, so las ich, Dämonen für Alternativfleisch, in das sie einfahren könnten, auch ein Eimer Frischblut sei erfolgversprechend. Dies zu lesen schauderte dem Kolumnisten nicht im geringsten. Sobald er sich aber den Exorzisten in einem Poncho vorstellte, stockte ihm das Blut! Aber, was passierte? Der Exorzist schloss sich mit dem Befallenen ein und bis zum Anbruch des nächsten Morgens tönten Kampfgeräusche, Keuchen und Schellenklänge aus dem verschlossenen Zimmer. Als der Dämonenaustreiber am nächsten Tag den Raum erschöpft verliess, wies das Zimmer überall Verwüstung und Kampfspuren auf – der Befallene aber war geheilt. In der Mitte des Raumes lagen die Überreste des Hahns, abgenagt und abgeschleckt bis auf die blanken Knochen. Ach, was würde der Kolumnist darum geben, einmal ein Brathähnchen inmitten eines Bon Jovi Konzerts platzieren zu dürfen. Oder in eine Augsburger Stadtratssitzung! Vielleicht würde hier ja auch mal ein gemeinsamer Ausflug in den »Wiener Wald« genügen. Kaum hatte der Kolumnist mit dem Verfassen vorliegender Plauderei begonnen, hatte er in der folgenden Nacht einen wirren, aber in seiner Erschütterungspower recht konzisen Alptraum. Schauplatz war der Sitzungssaal des Augsburger Rathauses. 3. Bürgermeister Peter Grab eröffnet gerade die Sitzung und spricht feierlich: »Also, ich hab’s! Also: ... « – Kunstpause – »Ich nenn’s xyz-Festival!« Fraktionsübergreifender Applaus brandet auf. Plötzlich bricht die Tür auf und Poncho tragende Frauen stürmen den Sitzungssaal. »Eisenpartikel für die Augen der Stadträte«, skandieren sie. Oberbürgermeister Kurt Gribl schiebt geistesgegenwärtig eine Schüssel Ferrero Küsschen beiseite und wirft sich der ponchierten Damenphalanx mutig in die Kampfgasse. »Stopp! Stopp!«, ruft 3. Bürgermeister Hermann Weber in neuer Rechtschreibung. »Wussten Sie, dass die weibliche Form von ‚Jockey‘ ‚Jockette‘ lautet?!?« Die Ponchofrauen halten frappiert ein, Säbel sinken nach unten, der Kolumnist wacht schweißgebadet auf. Wie in einem US-amerikanischen Film, wie eine Bohrmaschine, dessen Drillkolben sich kreischend in einen Eisblock frisst, klingelt schrill und in kaltem Echo das Telefon. Am Apparat ist der Anwalt der Stadt Augsburg. »Herr Vodalbar, sind Sie jetzt total durchgedreht?« »Vodalbra heißt es, nicht Vodalbar «, flüstert ein dünnes Stimmchen. Der große Zeh des Kolumnisten gräbt sich, nach Geborgenheit suchend, in den flauschigen Teppich. Denn er wohnt ja auf dicken Teppichen! Das hat er zu Beginn der Kolumne gut mit eingerichtet. »Herr Vodlabla?« »Ja. Mir geht es gut. Sehr, sehr gut.« Diese Kolumne bitte nicht mit dieser Überschrift veröffentlichen
![]() 29.September/Martin Vodalbra
»Schildkrötenpanzer? Durch Hitze zerborstene Schildkrötenpanzer?«, fragte Paragon in ungläubigem Spott. »Ja, ursprünglich las man die Zukunft aus durch Hitze zerplatzten Schildkrötenpanzern«, erklärte der Chinese. Sie standen auf der Maximilianstraße. Wie eine kopfsteingepflasterte, graue Zunge hingestreckt lag die Meile. »Ich sehe keine Ähnlichkeit zwischen der Maxstraße und einem Schildkrötenpanzer«, sagte Paragon verächtlich. Kein Verkehr regte sich in der gesperrten Straße. Der Chinese bückte sich unbeeindruckt und musterte die Straße. Eine rühreifarbene, sülzenartige Masse drückte von unten durch die Zwischenräume der Pflastersteine nach oben. Verharrte angesichts des Tageslichts, blubberte vor sich hin. Unter der Kaisermeile rumorte es fern und dunkel.
Der Chinamann steckte den Finger in die Masse. Mit prüfendem Blick hielt er sich die Fingerkuppe vor Augen und Nase und schlotzte dann ein Mal beherzt etwas Rätselsülze vom Finger. »Urschleim«, stellte er nüchtern fest. »Urschleim?«, fragten Paragon und der Radioreporter unisono konsterniert. »Urschleim«, wiederholte der Chinese. »Er drückt von unten nach oben in die Augsburger Jetztzeit.« »Es ist so weit!«, rief die Protokollantin hysterisch. »Die Tage … sind gekommen!« »Meine Damen und Herren«, sprach der Chinese feierlich, »ich darf Ihnen aus dem Buch ›Tao Te King‹ zitieren: ›Wenn der Mensch geboren wird, ist er zart und schwach; / im Tode ist er hart und steif. / … / Darum sind Härte und Steifheit die Gefährten des Todes und Weichheit und Zartheit die Gefährten des Lebens.‹« Der Chinese hustete. »Die Herzen der Menschen sind verhärtet. Sie rempeln einander in der Straßenbahn beim Ein- und Aussteigen an. Und dann die Wahlen dieses Jahr. Eine Bürgermeisterwahl und kurz darauf eine Bezirkstagsund eine Landtagswahl. Das hält keine Stadt aus.« Dann fügte er unvermittelt an: »Darf ich Ihnen von meinem Dao-Meister erzählen?« Paragon nickte stumm mit undeutbarer Miene. »Durch Meditation und den rechten Lebensweg wurde seine Schädeldecke wieder weich. Eines Tages rief er mich zu sich, seinen Kopf abzutasten. Ich staunte. Seine Fontanellen hatten sich, wie bei einem Säugling, wieder geöffnet.« »Die einzelnen Kopfsteine der Maxstraße sind wie die Fontanellen eines Säuglings?!«, rief der Radioreporter begeistert. »Nein und ja«, sagte der Chinese. »Unter dem Kopfsteinpflaster sind Lokalpolitiker der CSU, der SPD, der Grünen, der FDP, der Freiwilligen Wähler, der Linken – wie verbannte Gurken in Aspik stecken sie im Urschleim. Kiemen erlauben ihnen, die rühreifarbene Masse ein- und auszuatmen. Wie kleine Urzeittierchen aus dem Yps-Heft flitschen sie unter der Straßenoberfläche, unter unseren Füßen, hin und her. ›Raus, raus, lasst uns raus! Rauf, rauf, lasst uns rauf!‹, rufen sie und versuchen an die Oberfläche zu dringen.« Paragon starrte den Chinesen ungläubig an. »Doch, es stimmt, was ich Ihnen erzähle«, sagte der Chinese. Er hielt dem Radiomann seinen Finger mit glänzendem Urschleim hin. »Probieren Sie. Sie werden es schmecken: Es ist wahr.« »Was für ein bodenloser, unglaublicher Unsinn«, sagte Paragon. Der Radioreporter probierte. »Mein Gott, es ist wahr«, flüsterte er und leckte sich schmatzend über die Lippen. »Im Urschleim gefangen«, diktierte er in sein Aufnahmegerät. Er sah den Chinesen strahlend an. »Es schmeckt wie …« Der Chinese ergänzte: »… ja, Gericht Nr. 48.« »Was für ein hanebüchener Unsinn«, sprach Paragon wütend. »Wir holen Sie nicht in die Fuggerstadt, damit Sie solch einen Unsinn verzapfen.« »Oh Gott«, schrie die Protokollantin und zeigte panisch auf den Boden. »Oh Gott, Herr Schleimreferent, schauen Sie nur!« Asiatische Essstäbchen zwängten sich von unten durch die Ritzen zwischen den Kopfsteinen. Wie stumpfe Scherenklingen öffneten und schlossen sie sich im panischen Takt. »Hier gibt’s nix«, sprach der Radiomann und trat knirschend auf die in V-Form aufragenden Essstäbchen. »Esst woanders.« »Was für ein bodenloser …«, wiederholte Paragon, aber seine Stimme verebbte und mit offenem Mund gerann seine Miene zu einer ungläubigen Fratze. Der Radiomann und die Protokollantin tasteten ihre Schädeldecken ab. Neugierig, fast zärtlich. Plötzlich: Mit einem feschen, entschlossenen Knurpseln brach aus Paragons Schädeldecke ein feines, ein kleines Essstäbchen. Seine Pupillen schrumpften schlagartig auf Stecknadelgröße und ein rühreifarbenes Etwas verfärbte seine Iris. »Was für ein …«, hob er nochmals an, aber in dem Moment hatte er sich in Lüpertz’ Aphrodite-Statue verwandelt. »Gericht Nr.48«, flüsterte der Chinese, »Gericht Nr. 48.« Dann nahm er sein Handy und wählte eine Nummer: »Hören Sie, Sie dürfen die Kolumne auf keinen Fall unter dieser Überschrift veröffentlichen.« Martin Vodalbra fordert mehr Aphorismen
![]() 30.Juli/Martin Vodalbra
Weil Augsburg so flach ist!
Warum sind die Augsburger so, wie sie sind? Die Antwort lautet: Weil Augsburg so flach ist, kaum Berge oder Anhöhen verzeichnet. Du könne erkläre? Ja – mit Anlauf: Viele Menschen, insbesondere wenn sie jung sind und in adoleszenter Zeige- und Spiegelfreude eine existenzielle Echokammer suchen, pflegen eine MySpace-Seite. Hier kann man beobachten, dass die dort eingestellten Porträtfotos meist im Winkel von oben geknipst sind. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass junge Menschen sich für diesen Zweck gerne selbst fotografieren und dabei die Knipslinse von oben auf sich halten. Dieses Verfahren entspringt der zunächst sehr unschuldigen Sehnsucht, ein globales, endgültiges und im Ganzen aufgehobenes Bild von sich zu erzeugen. Hach, welch Süße des Sichsuchens! Was MySpace-Teenies instinktiv richtig machen, fehlt leider der Schicksalsgemeinschaft Augsburg. Kein Berg, keine Anhöhe, von der es sich mal selbst aus der Vogelschau erkenntnisreich betrachten ließe. Was tun? Berge anhäufen? Nein – Sätze! Denn die Antwort ist so schlicht wie knarzig: Nur ein städtisch angestellter Aphorismenschreiber kann Augsburg helfen. Gleich einem Stadtschreiber sollte ihm im Rathaus ein eigenes Amt eingeräumt werden. Die Weisheiten des Aphoristikers sollten verkündet werden einmal täglich per Durchsage, in Straßenbahnen und vom Perlachturm herab sowie in E-Mail-Bulletins, zu deren Abo alle Augsburger verpflichtet wären. Nun ist das landläufige Bild eines Aphoristikers kein vorurteilsfreies. Wer in seiner Freizeit abends Aphorismen verfasst, fristet sein berufliches Sein meist im Arôme eines trostlos-stickigen Büroalltags bei einer Versicherung oder er arbeitet unglücklich als Lehrer. Büros sind nicht der Ort für Geistesblitze, das Einzige, was blitzt, ist der Kopierapparat, wenn die Kollegin aus dem Controlling, Frau Petra Drüsel-Benninghus, geborene Drüsel, mal kurz einen Beleg für die To-do-Ablage kopiert. Weder europäischer Geist noch Rock ’n’ Roll westlicher Prägung gedeihen an solchen Orten. Der praterfangsche Blitz und das drüsel-benninghuser Abendprogramm Erwählte, mit einem Hang zu gesellschaftlicher Distinktion ausgestattete Büromenschen, denen jedoch der frische Schwung fehlt, um mit einer MG 3 in der Shopping-Mall Amok zu laufen, verlegen sich hier dann auf das feierabendliche Schreiben von Aphorismen. Sicher, Frau Drüsel-Benninghus wird sich dadurch kaum beeindrucken lassen, aber vielleicht ja die bundesrepublikanische Öffentlichkeit. Der Büromensch geht abends nach Hause, vorbei an der Shopping-Mall, und beginnt, während Frau Drüsel-Benninghus gerade »Frauentausch« im Fernsehen schaut, güldnes Wort an Wort schmiedend, mahnende Geistesschärfe auf Papier zu setzen. Das Aphorismenbändchen erscheint in einer 100er-Auflage, gedruckt auf erlesenem Büttenpapier, bei einem Kleinstverlag. Es nimmt ein schlimmes Ende. Die Tagesthemen berichten nicht vom Erfolg des Büchleins, »Kulturzeit« auf 3sat schweigt sich aus über die neue menschheitslehrende Stimme aus Augsburg. Diese wiederum sieht sich in ihrem Weltbild bestätigt. Als ihr Autor an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt, herrscht die übliche Stille – der feierliche Sound komprimierter Sinnlosigkeit. Und es blitzt. Herr Manuel Praterfang (42) aus der Erfassung macht gerade eine Kopie. Dies ist freilich ein unstimmiges, böswillig gezeichnetes Bild eines Menschen, der sich dem Humanismus verpflichtet sieht. Der Kolumnist würde nicht wagen, solch eine Porträtzeichnung jemals auch nur zu veröffentlichen. Das wahre Bild eines Aphoristikers ist jenes der Anmut, der Stilbewahrung und Contenance. Menschen, die Aphorismen schreiben, tun dies an einem Stehpult aus Eichenholz. Zur Linken steht ein weiteres Tischlein, auf ihm ein gläserner Wasserkrug, Apfelschnitzlein und ein Schälmesser; die Kerngehäuse der mundgerecht geschnittenen Äpfel befinden sich in einem säuberlich zusammengefalteten, weißen Stofftaschentuch. Nur so lässt es sich aus klarem Geist geborene Weisheiten schriftlich niederlegen. Man kritzelt auch nicht, wie es Menschen niederer Kasten tun, mit Kuli oder Filzstift. Man klöppelt auch nicht auf ein Laptop ein. Nur Hirnverbrannte tun das. Man schreibt mit einem Bleistift. Es müsste mit dem Teufel zugehen, ließe sich im Augsburger Rathaus nicht solch ein Zimmer für ein derartig skizziertes Amt einrichten. Übrigens gab es in Augsburg doch einmal recht viele Berge. 1756 war die heutige Maxstraße noch nicht geebnet, sie wies zahlreiche Hügelchen und Anhebungen auf. An die einstige Augsburger Kuppenpiste erinnert heute noch der Name eines ortsansässigen Marionettentheaters. Im Chorgestühl der Angst
![]() 30.Mai/Martin Vodalbra
Vor-sich-hin-Denken ist eine prima Sache. Ungerechte Menschen halten Vorsich-hin-Denken für kognitives Gesiffe; gäbe es aber Vor-sich-hin-Denken als Schlüsselanhänger oder Klingelton – der Kolumnist würde ihn kaufen. Denn vieles denkt der Verfasser dieser launigen Zeilen so vor sich hin, und das bei jedem Wetter. Von außen sieht man ihm dies oft nicht an. Aber während er mit vollem Mund am Tischlein eines Stehcafés ein Stück Himbeersahnetorte in sich hineinbaggert, zeitigt sich im kunstvoll gefertigten Chorgestühl seines Hirns ein Taj Mahal kristallklarer Pläne zur Rettung der Gesellschaft, gezimmert aus dem Licht seines Vor-sich-hin-Gedachten.
Der Plan des Kolumnisten ist klar. Erster Schritt, nach dem Runterschlucken der Himbeersahnetorte, ist der Akt der Auslöschung. Das klingt zunächst nicht freundlich, ist aber notwendig. Start in Augsburg. Kraftvolle Extinktion des Kleinbürgertums und dessen beherzte Ablösung durch eine ständische Sozialhierarchie. Eingesetzt würden, nach dem Vorbild italienischer Renaissancehöfe, eine aristokratische, kunstkennerische Elite auf der einen und eine die Traditionen wahrende, bäuerliche Landbevölkerung auf der anderen Seite. Der a-guide würde nur an wenigen Augsburger Höfen erscheinen, in Diedorf, Meitingen und Bobingen hingegen würde Holz gehackt, Leinen gewoben und Fleisch gepökelt. Derlei Produkte des Landkreises würde man erwerben im Tausch gegen verheißungsvoll glitzernde Glasperlen, die den Menschen dort draußen den Kopf verdrehen würden und die sie unbedingt haben wollten. In Augsburg selbst könnte sich dann eine kleine Elite dem zuwenden, was wirklich wichtig ist: dem Backen von Himbeersahnetorte und den sogenannten Augsburger Kongregationen. Die Augsburger Kongregationen sind Zusammenschlüsse, die sich in regelmäßigen Treffen die Erzeugung Cherno-Jobatey-förmiger Gedanken zum Ziel gesetzt haben. Für gewöhnlich treffen sich Gruppen von fünf bis zwölf berufenen Menschen. Samtene Teppiche werden bei solchen Zusammenkünften ausgelegt, die Fenster verdunkelt und vorher gerne etwas Suppe gereicht. Dann geht es ans Werk. Die Ständegesellschaft muss gerettet werden. Ein dunkler Gott fordert hier nicht Buße oder Rosenkränze, sondern das Denken Cherno-Jobatey-förmiger Gedanken. Die Aufgabe ist schwer, fordert sie doch Abstrahierungsvermögen, gepaart mit TV-Bildung. Eine Herausforderung, denn Fernsehen existiert in der vom Kolumnisten initiierten Ständegesellschaft nicht mehr. Was die Augsburger Elite nicht weiß, ist, dass die Landbevölkerung einen teuflischen Umsturzplan ausbaldowert hat. Dies geschah mit der Hilfe Österreichs. Der Leser zittert und der Kolumnist, dem das Schmauchen seines Crackpfeifleins das Schreiben vieler ideenreicher Fachartikel wie dieses hier erlaubt, zittert mit: Des endlosen Essens von Sachertorte und des Besitzes einer eigenen österreichischen Gebärdensprache müde, kontaktierte der Staat über Unterhändler die Städte, Märkte und Gemeinden im Augsburger Umland. Diese waren zunächst erstaunt. Nicht nur über das Hilfsansinnen der Österreicher. Rückrufe und E-Mails folgten: »Sehr geehrte Damen und Herren, stimmt es, dass Österreich wirklich über eine eigene Gebärdensprache verfügt? Diese Idee wird im Umland Augsburgs als spleenig und auch ein klein wenig unnötig empfunden. Sollte es sich mit dem Bestehen einer eigenen Gebärdensprache tatsächlich so verhalten, würden wir dies freilich akzeptieren. Wir fragen nur nach und harren gleichzeitig auf Ratschläge zu unserer Rettung aus den Fängen dieses bösen, vom Hirn eines Kolumnisten ersonnenen Stände-Augsburgs.« Österreich verwehrte stolz eine Antwort und verwies zur Klärung des Sachverhalts auf SachertorteGoogle. Dennoch lief die Rettung der unterdrückten Landbevölkerung, der doch eigentlich von einem klugen Kopf das Pökeln, Weben und Holzhacken zugedacht ward, an. Die Orgelspieler des Landkreises schlossen sich zusammen, um dem Rat Österreichs zu folgen: der Erzeugung Kurt-Felix-gesichtiger Klänge. Die Organisten schraubten, schnitzten und schlawenzten an den Orgelpfeifen herum, bis in nächtlichen Sessions in der Nähe Bonstettens die Erzeugung eines Kurt-Felixgesichtigen Klanges gelang. Nicht wenig Mailverkehr bremste das Verfahren im Hintergrund; in Mails wurde gefragt, ob das Vorhaben denn Sinn ergebe. Kurt Felix sei schließlich Schweizer und nicht Österreicher. Die Ösis antworteten, sie hätten dies im Vorfeld bereits gegoogelt, sie seien eingeweiht und es sei egal. Man solle lediglich einfach den Anweisungen folgen. An dieser Stelle lässt der Kolumnist die spannende Geschichte abbrechen. Sie wird samt ihrem verblüffenden Ende als Hörbuch veröffentlicht werden. Es lesen Kurt Gribl und Peter Grab. Den Mund voll mit Himbeersahnetorte! Puttin’ back the Urg into Augsburg
![]() 28.März/Martin Vodalbra
Das muss man sich mal in Ruhe, gleichsam schmackhaft, auf der Gehirnrinde zergehen lassen: Jeder Mensch auf der Welt hat zwei Eltern. Die haben jeweils nochmals zwei Eltern. Und die alle dann jeweils noch mal zwei Eltern und jede Einzelperson diesen Elternheeres wiederum auch. Und so weiter und so fort durch die Jahrhunderte hindurch! Der Kolumnist hält dies für einen Hinweis, dass es deshalb ganz früher, zu Beginn der Menschheit, unglaublich viele Menschen gegeben haben muss.
Es braucht keinen übergroßen IQ für den Folgeschluss, dass in der Vergangenheit mehr los war, als es in Zukunft je sein wird. Dass der Weltenlauf, mithin die Geschichte der Menschheit, rückwärts gewandt ist. Der Blick der Menschen auf die Zeitläufte ist also verkehrt, er gehört zurechtgerückt. Der a-guide-Kolumnist tut dies gerne! Mitten in dieser a-guide-Ausgabe, die glaubhaft machen will, Augsburg – mithin die Menschheitsgeschichte – habe eine Zukunft, opfert er sich als redaktionelles Lamm auf dem Altar medialer Wahrheit. Er beginnt in wollweißen Worten von etwas zu sprechen, von dem die Augschburger, vom erst im März neu gewählten Stadtrat geblendet, ja vielleicht noch gar nichts wissen: No future – die kosmischen, die phylogenetischen als auch die einzelbiografischen Zeitläuften sind retrograd! Es braucht keinen übergroßen IQ für den Folgeschluss, dass in der Vergangenheit mehr los war, als es in Zukunft je sein wird. Dass der Weltenlauf, mithin die Geschichte der Menschheit, rückwärts gewandt ist. Der Blick der Menschen auf die Zeitläufte ist also verkehrt, er gehört zurechtgerückt. Der a-guide-Kolumnist tut dies gerne! Mitten in dieser a-guide-Ausgabe, die glaubhaft machen will, Augsburg – mithin die Menschheitsgeschichte – habe eine Zukunft, opfert er sich als redaktionelles Lamm auf dem Altar medialer Wahrheit. Er beginnt in wollweißen Worten von etwas zu sprechen, von dem die Augschburger, vom erst im März neu gewählten Stadtrat geblendet, ja vielleicht noch gar nichts wissen: No future – die kosmischen, die phylogenetischen als auch die einzelbiografischen Zeitläuften sind retrograd! Mit ein paar wenigen Augsburger Bürgerbegehren wäre dies zweifelsfrei erreichbar: ein Leben, das, gestaffelt in einzeln vorwärts verlaufenden Tagen, insgesamt rückwärts verliefe. Man geht abends schlafen und wacht am nächsten Morgen, um 24 Stunden zurückgeklickt, im jeweils vorangegangenen Tag wieder auf. Der Kolumnist würde das sehr begrüßen. Was würde den Menschen erkenntnismäßig nicht alles wie Schuppen von den Augen fallen. Erlaubt würde ein übersichtliches, leicht verständliches Leben, in dem einen der Zusammenhang von Ursache und Wirkung in der eigenen Biografie wie in einer metaphysischen »Sendung mit der Maus« aufs Einfachste klar gemacht würde. Man steht am nächsten Tag auf, frühstückt, nimmt dann einen Hammer und schlägt sich damit auf die Finger. Währenddessen kann man dann beruhigend denken: »Natürlich, das muss ich jetzt ja tun – das erklärt, warum ich gestern so entsetzliche Schmerzen in meinen Fingern hatte.« Man atmet auf und geht befreiter in den Tag. Ein weiterer aparter Nebeneffekt des Vom-Todbis-zur-Geburt-Lebens wäre, dass eine so schöne Begrifflichkeit wie »Nahgeburtserfahrung« dann das Leben vieler Menschen prägen würde. In den Büros würden die Angestellten sich von Zeit zu Zeit heimlich unter ihre säuberlich gebügelten Diensthemden an die Bäuche greifen, um zu prüfen, ob vielleicht schon ein Stückchen Nabelschnur gewachsen ist. Im Outlook-Programm des Büro-PCs ruht unter »Noch nicht versandt« eine angefangene Mail an den Chef: »Sie können mich mal. Bald bin ich wieder bei Mama.« Tiefenpsychologen könnten sich den Kopf darüber zerbrechen, ob es in so einer – haha: Freud-vollen – Welt noch einen Ödipuskomplex gäbe. Außerdem gäbe es Leute, die einem so Erfrischendes schildern würden wie jenes, wie man sie einst per Kaiserschnitt aus dem Sarg hatte holen müssen. Für anregenden Gesprächsstoff in den Kneipen und an Teenachmittagen wäre gesorgt. Plazentaneid würde durch die Städte toben, auf Betonwände würde »No past! Just (verdammt!) future!« gesprüht werden und berühmte Anthropologen würden, endlich, wissenschaftliche Bücher verfassen mit Titeln wie »Aus dem Schoß der Friedhöfe« (in der Hörbuchversion gelesen von Lilo Wanders). Welch zeitlos paradiesischer Ort: eine Gegenwart, in der man von der Zukunft nur als von Vergangenem reden kann. Schwer zu verstehen, aber es ist so: Welcher Geisterfahrer redet schon von Zukunft, wenn er den Tod im Rückspiegel hat? Schweig still, Augsburg, schweig still. Der explodierende tiefgefrorene Hund, Klaus Bednarz und das Zarensilber
![]() 29.Januar/Martin Vodalbra
Russland, Russland! Andernorts, andernorts. Andernorts brüstete sich der Kolumnist einmal dessen, dass er jemanden kenne, der da jemanden kenne, der wiederum jemanden kenne, dessen ansonsten ereignisarmes Leben eine immerwährende aparte Würze dadurch bekam, dass er schon einmal auf einem tiefgefrorenen Meerschweinchen ausgerutscht sei. Der Leser wird
danach brennen, erfahren zu können, wie man denn Teilhabe an solch einem schmucken Fingerzeig menschlichen Seins gewinnen könne. Allein, der Kolumnist darfs nicht verraten. Nur so viel: Es hängt mit dem entsprechendem Arbeitsplatz zusammen.
Dafür aber: Russland, Russland! An die Anekdote mit dem tiefgefrorenen Meerschweinchen wurde der Kolumnist letztens in kürzester Zeit zwei Mal erinnert. Das erste Mal geschah dies, als er sich vor dem TV-Gerät einer Dokumentation über Sibirien hingab, in der eindrucksvoll geschildert wurde, dass die Menschen im eisig kalten Sibirien kaum Probleme bei der Konservierung von Nahrungsmitteln haben. Eine Pute friert nach dem Schlachten ob der dortigen Minustemperaturen, gleich einem Studenten nach der Uni, von selbst ein – und acht Monate lang kann man sich stückchenweise an ihrem Fleisch laben. Wenige Tage später dann las der Kolumnist eine Zeitungsmeldung, in der berichtet wurde, dass in einem australischen Tierkrematorium ein tiefgefrorener Hund im Schornstein explodiert sei und Feueralarm ausgelöst habe. Auch diese Information verwuchs in meinem Geiste zu einem russisch geprägtem Amalgam: Besagte Zeitung hielt ich in der Hand, während im abendlichen Fernsehen eine Dokumentation über das finnisch-russische Karelien lief. Klaus Bednarz, der bekannte frühere »Monitor«-Moderator, führte durch die Doku und ich beneidete ihn um sein einwandfreies Russisch, welches er bei seinen Interviews mit den Einheimischen an den karelischen Tag legte. Die Gleichzeitigkeit intensiver Eindrücke forderte ihren Tribut: Die Psyche des Kolumnisten oszillierte in einem bipolaren Fragenduett des Bizarren: Warum kann Klaus Bednarz so gut Russisch? Wieso explodieren tiefgefrorene Hunde in Australien? Es war kein schöner Abend. Immerhin: Der Zeitungsartikel verriet, dass gefrorene Tierkadaver bei der Einäscherung hin und wieder zu explodieren geruhen. Russland, Russland! Dennoch will der (Kommunist) Kolumnist kurz noch zwei andere Themen anplaudern: Freiheitsstatuen und Augsburg. Trickreich wird er dann wieder zum Thema Russland überleiten. Was hier gut klingt, geht im Folgenden so: Statuen. Es ist ein aus der Mode gekommener Brauch, dass Länder als Zeichen der Ehrerbietung einander riesige Statuen verehren. So schenkte Frankreich den USA die Freiheitsstatue und finanzierte Rio de Janeiros Christusstatue mit. Der Trend zu solchen Schenkungen ist rückläufig, seit »dem« 11. September verzeichnet man eher sogar die Tendenz, große Bauten anderer Staaten rüde kaputt zu machen. Derweil: Statuen fallen heute wesentlich kleiner aus – zum Beispiel die Taubenmarie auf dem Augsburger Stadtmarkt – oder sie werden nur nach anfänglichem Zögern ange- nommen (siehe Lüpertz-Aphrodite). Neue Zeichen eines interkulturellen Dialogs sind h i n g e g e n mittlerweile (aktuell) die Rückleihe Augsburger Silbers aus dem Moskauer Kreml oder das großzügige Spenden tiefgefrorener, nicht explodierender Klaus-Bednarz- Statuen. So gesichtet am Roten Platz und in der Maxstraße. Bonusinformation: Auch der Kolumnist würde sich, vielleicht einmal im oder gar als Urlaub, zünftig einfrieren lassen. Wer Lust hätte, dürfte den Frostkorpus des Kolumnisten dann mit einem kleinen Eispickel zerhackstücken und zersmashen. Wie einst (Klaus Bednarz) Sharon Stone in »Basic Instinct«. Gleich Instantpulver ließe sich der Kolumnist dann zu einem Zeitpunkt eigener Wahl mit kochendem Wasser wieder zu einem leckeren Heißgetränk aufgießen. Erfrischt wie nach einer gut durchknuddelnden Thai-Massage wäre danach der Schreiber dieser Zeilen, endlich erquickt wären die nach Menschlichkeit wirklich Dürstenden. Man würze den Trunk mit Edelmetallstaub aus zermörsertem Zarensilber und dem Zahngold der Fugger. Wärme er den Trinkenden in Sibirien, schenke er dem Lesenden einen Schwatz im Silbersee. Russland, Russland. Andernorts, andernorts P.S.: Der Leser wird fragen, ob auch das anfangs erwähnte tiefgefrorene Meerschweinchen in einem Krematorium …? Nein, lautet die Antwort. Aber es hängt ein Arbeitsplatz dran. Auch an dieser Kolumne. |